Allgemein Nachhaltigkeit

Minimalismus 2.0 – 1 Jahr lang nichts kaufen

12. Februar 2018
Fair Fashion Shopping

Ich rolle heute das Thema Minimalismus wieder auf. Unter den selbsternannten Minimalisten bin ich keinesfalls Hardcore. Minimalismus ist für mich nicht notwendigerweise definiert als „möglichst wenige Gegenstände besitzen“ sondern eher so, dass ich möglichst wenig UNNÖTIGES besitzen will, also Dinge, die mir weder großen Nutzen noch große Freude bringen. Ich habe endlich eingesehen, dass meine Aufmerksamkeitsspanne begrenzt ist, und meine Freude an Dingen durch zu viel Auswahl und zu große Masse reduziert wird. Meine Beschäftigung mit dem Ausmisten und Reduzieren hat sich in den letzten Jahren in meinem Einkaufsverhalten bereits bemerkbar gemacht. Ich kaufe deutlich weniger als früher, und das was ich noch kaufe, ist immer öfter second-hand.

Dabei ist mir aufgefallen, dass erstaunlicherweise nicht nur das Kaufen glücklich macht. Auch das Nicht-kaufen kann ein Hochgefühl auslösen. Wenn ich erfolgreich mit leeren Händen eine Situation verlasse, in der ich das Bedürfnis hatte, mir etwas zu kaufen, weil es mir gerade so gut gefiel, erlebe ich ein überwältigend starkes Gefühl der Erleichterung und Befreitheit. Es ist toll, sich ab und an mit etwas Schönem eine Freude zu machen. Es fühlt sich aber ebenso toll an, mich von dem Gedanken zu befreien, dass ich alles besitzen muss, was mir gefällt und ich alles „brauche“ was grundsätzlich nützlich ist.

Dieser beklemmende Gedanke, sich etwas nicht leisten zu können, ist verschwunden. Ich sehe es jetzt anders: Ich will mir das jetzt nicht leisten. Ich entscheide mich immer öfter dagegen, das Ding zu kaufen, das mir gerade gefällt. Die Entscheidung gegen den Kauf ist gleichzeitig eine Entscheidung für etwas anderes: Mehr Platz in der Wohnung, ruhigere Räume und Schränke, Verkleinerung meines ökologischen Fußabdrucks und zunehmend mehr Flexibilität in Lebensentscheidungen durch mehr Geld auf dem Konto.

Ich kaufe mit meinem Geld jetzt häufiger Nonmaterielles: Raum, Entscheidungsfreiheit, Unabhängigkeit. Ganz konkret kaufe ich unter anderem auch den Luxus, nur Teilzeit zu arbeiten.

Camden Locks Market Flat Bread

Vegane Leckerbissen in schönen Cafés/Restaurants/Street Markets will ich nicht missen – aber auch das ist besonderer und macht größere Freude, wenn es eher die Ausnahme als die Regel ist.

Vor kurzem bin ich auf ein spannendes Experiment gestoßen: Happy Philosopher hat sich vorgenommen, ein ganzes Jahr lang nichts zu kaufen. Für das Experiment hat er sich ein paar Parameter gesetzt. Ausnahmen vom Kaufverbot sind, grob zusammengefasst, die folgenden Bereiche:

  • Konsumierbares, wie Lebensmittel, Haushaltsprodukte etc.
  • Erlebnisse wie Reisen oder Essen im Restaurant
  • Dinge, die für die Reparatur oder Instandhaltung bereits vorhandener Gegenstände benötigt werden, z.B. neue Batterien für ein Elektrogerät; ebenso der Ersatz von Gebrauchsgegenständen, die kaputt gehen

Dazu kommen einige Graubereiche wie beispielsweise der Konsum virtueller Güter.

Ich halte es nun nicht für das Ziel, langfristig gar nichts mehr zu kaufen und sich von sämtlichem Besitz loszusagen (und so verstehe ich auch das oben genannte Experiment nicht). Ich mag meine Sachen und ich kaufe weiterhin gerne schöne (und auch nützliche) Dinge. Dennoch finde ich die Idee interessant. Solche Selbstversuche können durch die aufgestellten Regeln doch dazu beitragen, die eigenen Grenzen mal etwas gründlicher auszutesten und die persönliche Komfortzone zu verlassen.

Eine andere, noch deutlich ambitioniertere Version des Experiments hat Michelle McGagh durchgezogen. Sie hat ein ganzes Jahr lang fast überhaupt nichts über ihre Fixkosten hinaus ausgegeben, nicht einmal, als sie im gratis Fahrrad-Camping-Urlaub ihren Schuh verlor. Ihr Ted-Talk über die Erfahrung ihres „No Spend Year“ ist wirklich sehenswert:

Ich finde das, was Michelle da so erzählt, ziemlich inspirierend, auch wenn ich persönlich bisher keine Lust verspüre, mich so weitgehend einzuschränken.

Das Experiment des Happy Philosopher lacht mich da schon mehr an. Das könnte ich schaffen und mich dabei ein wenig über die Grenzen des Bequemen hinausstrecken.

Entgegen kommt mir die Tatsache, dass ich 2018, abgesehen von laufenden Fixkosten, tatsächlich noch nichts gekauft habe. Mein Experiment könnte somit gänzlich unbefleckt starten. Ich möchte mich dabei nicht in Entbehrung üben – ganz im Gegenteil! Mein Ziel ist es, meine Aufmerksamkeit noch mehr auf all das zu lenken, was ich schon habe, und diesen Reichtum regelrecht zu zelebrieren.

Mein persönliches „Buy Nothing“-Experiment

Inspiriert von Michelle McGagh und dem Happy Philosopher möchte ich also ein eigenes Experiment wagen. Da es mir wie gesagt nicht darum geht, mich selbst zu geißeln, habe ich mir mal Gedanken gemacht, welche Parameter ich persönlich stecken möchte. Dabei sind die folgenden Punkte herausgekommen:

Ich werde grundsätzlich nichts kaufen, und kreativ mit den Dingen auskommen, die ich bereits habe. Davon ausgenommen sind

  • Erlebnisse wie Reisen, Essen gehen, Tanzkurse, Kinoabende, Ausgehen, etc.
  • Laufende Fixkosten oder Quasi-Fixkosten wie Miete, Strom, Handy, Lebensmittel, Netflix usw.
  • Geschenke für andere
  • Dinge, die ich wirklich brauche (wobei das natürlich oft eine Grauzone ist –  das werde ich dann von Fall zu Fall entscheiden)
  • Ersatz oder Reparatur von Dingen, die kaputt gehen oder ausgehen (ich werde mir beispielsweise meine Mascara nachkaufen, wenn sie leer ist, obwohl Mascara nicht gerade lebensnotwendig ist. Ich werde aber nicht spontan Lidschatten oder Nagellack kaufen weil mir die Farbe so gut gefällt.)
  • Geschenke an mich – die werde ich natürlich annehmen

Grauzonen sind unter anderem die folgenden:

  • Nicht essenzielle Haushaltsgegenstände und andere gemeinsame Anschaffungen mit meinem Mann, den ich nicht zu meinem Experiment verdonnern will (aber ehrlich gesagt bin ohnehin meistens ich die treibende Kraft hinter materiellen Anschaffungen 😉 )
  • Anschaffungen, die im direkten Zusammenhang mit Erlebnissen stehen, z.B. ein Wanderrucksack, eine Funktionsjacke, Reiseführer

In diesen Punkten werde ich flexibel bleiben und mir grundsätzlich das Ziel setzen, möglichst alles gebraucht zu kaufen.

Darüber hinaus weiß ich bereits jetzt, dass ich wahrscheinlich die eben erst aufgestellten Regeln im Laufe des Jahres brechen werde. Beispielsweise möchte ich mir dieses Jahr neue Sandalen kaufen, da mein altes Paar spazierfähiger Sandalen letzten Sommer kaputt gegangen ist. Ich brauche nicht unbedingt Sandalen, da ich noch ein weiteres Paar besitze, sowie ein Paar ca. 10 Jahre alter Flip Flops. Das noch vorhandene Sandalenpaar passt aber zu vielen Outfits nicht so gut und ist außerdem für längere Fußwege nicht bequem genug. Von daher könnte ich auf den Kauf von Sandalen dieses Jahr verzichten, ich will es aber wahrscheinlich nicht.

Ein weiterer Gegenstand der mir einfällt: Einlegesohlen für meine Wanderschuhe. Die enthaltenen Sohlen finde ich etwas dünn, und Einlegesohlen würden außerdem verhindern, dass ich in den Schuhen herumrutsche, was aktuell ein wenig der Fall ist. Dieser Kauf würde in den zweiten oben erwähnten Graubereich fallen.

Meine Zusatz-Regeln für Ausnahmen sind daher:

  • nicht zu schnell eine Ausnahme machen und vorher nach kreativen Lösungen suchen
  • Ausnahmen dokumentieren (vll. schreibe ich über das Jahr verteilt Update-Beiträge für den Blog)
  • wo möglich gebraucht kaufen
  • möglichst nicht mehr als eine Ausnahme / Monat

Wichtig ist mir außerdem, nicht nur zu definieren, was ich nicht kaufe, denn ich kaufe wie gesagt sehr wohl, nur eben etwas anderes. Anstelle von Dingen kaufe ich Zeit (Einkaufen, Aussuchen, Pflegen und Verstauen von Besitz ist zeitintensiv!), Ressourcenschonung, Unabhängigkeit, mehr offene Optionen für die Zukunft, mehr Ruhe im Kopf, mehr Platz und Ordnung in unserem Zuhause und den freien Blick auf das Wesentliche.

So gesehen wird 2018 das reinste Shopping-Jahr 😉

Primrose Hill, London

Ist mein Vorhaben zum Scheitern verurteilt?

Ich habe etwas gezögert, mich auf ein so formales Experiment festzuschreiben, denn ich will nicht, dass meine aktuelle Nicht-Kauf-Freiheit sich plötzlich nach Zwang anfühlt. Schlussendlich hatte ich aber doch Lust, meinem bisher eher vagen Jahresvorsatz einen Rahmen zu geben. Ich bin gespannt, wie es mir mit dem Selbstversuch über das Jahr hinweg geht. Werde ich ständig Ausnahmen machen? Oder nach ein paar Monaten abbrechen?

Mal sehen! Wenn es euch interessiert, berichte ich hier gerne über meine Erfahrungen (und wenn es euch nicht interessiert mache ich das eventuell trotzdem, wenn ich Lust auf Dokumentation habe 😉 )

Das Privileg des Nicht-Kaufens

Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich mir bewusst bin, dass ich mein Experiment aus einer privilegierten Situation heraus unternehme. Bei mir geht es nicht um wahren Verzicht, und ich kann der Challenge ziemlich locker gegenüber stehen, denn ich habe alles was ich brauche. Kurz gesagt: Mit einem vollen Kleiderschrank lässt es sich gut auf’s Klamottenshopping verzichten. Damit möchte ich auch klarstellen, dass ich nicht kategorisch dagegen bin, „Nicht-Essenzielles“ wie Deko oder Zimmerpflanzen zu kaufen – auch hier kann ich deshalb gut eine Pause einlegen, weil ich einfach schon viel Schönes zuhause habe. Mein Experiment gilt daher nicht als Askese-Erfahrung – es soll mir vielmehr weiterhin dabei helfen, mein persönliches Maß von „genug“ zu finden und dieses eventuell noch ein wenig nach unten zu korrigieren.

Habt ihr schon einmal etwas Ähnliches unternommen, und wenn ja – wie ist es euch damit gegangen und was waren eure Erfahrungen? Sind meine Regeln mit den vielen Möglichkeiten für Ausnahmen zu lasch? Findet ihr derartige Challenges faszinierend oder eher beklemmend? Und: Habt ihr Tipps für schöne, vegane Sandalen, die bequem aber nicht trecking-style sind?

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  • Reply
    Ela
    16. Februar 2018 at 17:07

    Liebe Elisabeth, ich bin sehr gespannt wie es dir mit dem Experiment geht! Eine ganz tolle Idee. Ich wünsch dir viel Kraft und Durchhaltevermögen. Alles Gute dafür!
    Liebe Grüße,
    Ela

    • Reply
      Elisabeth
      16. Februar 2018 at 17:23

      Vielen Dank liebe Ela! Ich bin auch schon gespannt, wie das wohl ausgehen wird 😉
      Liebe Grüße,
      Elisabeth

  • Reply
    Marlin
    19. Februar 2018 at 10:36

    Liebe Elisabeth,

    ganz toller Artikel! Für mich ist das Nicht-Kaufen seit einiger Zeit weniger Experiment als eine Entscheidung für mein Unternehmen. Ich möchte alle Zeit in Vegarn stecken, arbeite nur wenig in bezahlten Jobs und kaufe daher nur das Essentielle. Den Talk von Michelle McGagh höre ich mir aufgrund ihrer humorvollen Beschreibung gerne von Zeit zu Zeit an.

    Freue mich auf deine Berichte zum Shopping-Jahr 2018! 😀

    Liebe Grüße

    Marlin

    • Reply
      Elisabeth
      19. Februar 2018 at 13:40

      Liebe Marlin,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Toll, du setzt Prioritäten und ermöglichst dir dadurch, dein Unternehmen auf- und auszubauen, damit bist du das Paradebeispiel für meine Ausführungen oben 🙂 Ich habe in den letzten Jahren auch bereits deutlich weniger gekauft und hoffe, dass das Experiment mir nochmal einen Extraschubs gibt, Käufe noch kritischer zu hinterfragen. Mein Ziel ist definitiv, dass es nicht bei einem vorübergehenden Experiment bleibt, sondern mein Konsum langfristig sehr reduziert bleibt.

      Ich werde auf jeden Fall berichten 🙂

      Liebe Grüße,
      Elisabeth

  • Reply
    TheHappyPhilosopher
    24. Februar 2018 at 04:29

    I look forward to following your progress.

    🙂

    HP

    • Reply
      Elisabeth
      24. Februar 2018 at 14:21

      Hey, thanks for stopping by 🙂
      I am also very much looking forward to reading about your further experience!
      Elisabeth

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